Die Schwarzfahrt

 

 

Die StraBa kam, endlich, in der kalten Frühlingsnacht. Leicht angetrunken aber vertieft im heiteren Gespräch stieg Sie mit Will Smith ein. Lange fuhren sie durch die dunklen Ecken der Stadt vorbei an wackelig leuchtenden Straßenlaternen die den Passanten nur zur verwirrenden Orientierung dienten, an, durch den Winter erfrorenen Bäumen und kargen düsteren Büschen. Die Straße führte mit einer Kurve nach links mit einer anderen scharf nach rechts, dass es in Geisterhand lag ob sie die Nummer 15 aus ihren rostigen Gleisen hin-auswirft.

 

Eigentlich gedachte Marie sich in der Stadt von Will auf ein Glas Wein ausführen zu lassen. Sie diskutierten über dies und jenes, sprangen zum Spaß in den verschiedensten Sprachen, beide waren in der Welt zu Hause, hin und her und flirteten miteinander. So bemerkten sie nicht, dass die Ausweiskontrolle, gestärkt von zwei Polizisten, hinzu-stieg und leicht schaden-freudig nach den Fahrscheinen fragte. Sie sahen sich an und zuckten mit den Schultern, denn vergessen haben sie beide.

 

 

Will zeigte seinen Personalausweis und bekam einen weißen Zettel mit der Strafgebühr und Marie ? Marie fing an in ihrer Muttersprache zu sprechen, die Polizei noch nicht bemerkend. Sie steigerte sich so hinein, dass Sie nicht einmal umlenkte als Sie die grüne Gefahr erblickte. Nun gab es kein Zurück,- die Lüge musste zuende gebracht werden! Der Polizeiwagen stand bereit. Will versprach schnellst möglich auf das Revier nachzukommen, und dass tröstete sie ein wenig. Keine Handschellen, keine lauten Schreie- die Abfertigung erfolgte von den Passanten unbemerkt. Noch nie ist Marie in einem Polizeiwagen mitgefahren und überhaupt noch nie hatte Sie wirkliche Schwierigkeiten gemacht. Sie war gelassen und neugierig auf das was kommt. Um sich nun nicht zu verraten ließ sie zwei ihrer vier Sprachen links liegen und vergnügte sich mit denen die sowieso kaum ein Mensch sprach.

 

Auf der Polizeiwache:

 

Do you speak english?

Gavaries pa russky?

Sprechen Sie deutsch?“

 

 

Marie war wie gelähmt.

 

Sie log nur in wirklich großen Notfällen,- aber das hier war kein Notfall! Sie war und ist und wird immer eine Grenzgängerin sein. Immer muss die Situation bis an das äußerste gespannt sein, damit Sie begreift: Bis hier her und nicht weiter! Viele Situationen hat sie in ihrem jungen Leben schon ausbaden müssen, aber wahrscheinlich war keine von ihnen so abgrundtief, die sie endlich zur Vernunft geschüttelt hätte. Und nun feilte Marie unwissend an einem Problem mit internationalem Niveau.

 

"Passport please“, hörte sie eine freundliche Stimme sagen, jedoch war diese in grün gekleidet und bedeutete GEFAHR. Marie zuckte mit den Schultern und machte deutlich, dass sie keinen Pass bei sich hatte. Aber wohl hatte sie einen deutschen Ausweis, die Krankenkassenkarte und Bankverbindung mit sich getragen, jedoch dafür war es nun zu spät, dass wäre nichtsnutziger Selbstverrat und das wollte sie sich nicht antun oder kam nicht einmal auf den Gedanken.

Dann war da noch ein serbischer Dolmetscher, mit dem sie sich jedoch nur in Bruchteilen verstand. Sie wurde aufgefordert mit den beiden Polizisten zu ihrem Schlafplatz zu fahren um ihren Reisepass zu bringen. Und wieder war ihre Gedankenmühle in Schwung.

 

Reisepass, o.k.! Ein Haus mit zwei Eingängen, Vorder- und Hintereingang, am Vorderen stand ihr Name an der Klingel, dann durch den Hof... Der eine Mitbewohner war über das Wochenende weggefahren und der andere?

 

Sie versuchte sich zu konzentrieren um ja keinen unüberlegten Schritt zu machen. Zu dritt fuhren sie mit einem kleinen Fahrstuhl in den vierten Stock. An der Wohnungstür stand ebenfalls ihr Name in kleinen Buchstaben. Glücklicherweise wirkte sie so überzeugend, dass die Polizei auf keine falschen Gedanken kam. Sie schloss auf und... die Wohnung war leer. Eine innere Freude stieg in ihr auf, denn Marie hatte keinen Plan für eine zufällige Begegnung mit ihrem Mitbewohner.

Gezielt ging sie in ein Zimmer, welches voll möbliert und mit auffälligen Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit dekoriert war.

Die Polizisten blieben im Flur stehen. Eilig griff sie nach dem Reißverschluss ihres Rucksacks und holte den zweiten Pass hervor, die Polizei schien zufrieden. Sie gingen durch die Hintertür wieder hinaus und fuhren auf die Wache zurück.

 

Nun war es kurz vor Mitternacht und die Dolmetscherin immer noch nirgends.

 

Marie wurde aufgefordert sich zu einer, ihr unbekannten, Kollegin zu setzen. Wie sie nebenbei mitbekam, war diese ein Jahr jünger und fünfmal unfreundlicher als sie selbst. Keine Zigarette wurde ihr gestattet, kein Wasser angeboten. Sie saß da und schaute auf die schnell tippenden Finger der gerade aus der Schule kommenden einsternigen Polizistin. Irgendwann stand diese auf und bat Marie sich auf den Flur vor die geöffnete Tür ihres Kollegen zu setzen. Sicherlich wollte sie Heim gehen oder sie hat sich in der klaren Mainacht mit Freunden auf ein Cocktail verabredet. Jedenfalls alles andere als in diesen kalten schweren Mauern auch nur eine überflüssige Sekunde länger zu verbringen.

 

Da saß sie nun. Sie schaute sich um. Ein hell beleuchteter langer Flur aus rotem Backstein, links und rechts gingen schwere eiserne Türen ab : Büros, Toiletten, Einzelhaft für maximal 48 Stunden. Da fragte sich Marie ob auch sie hier bleiben müsse. Aber warum? Wegen Schwarzfahren und ein bisschen Lüge? Ja, im Lügen war sie nicht gut, da sie nur in über-lebenswichtigen Situationen log, aber hier ging es nicht um ihr Leben! Sie hat sich nur ein wenig über die Hüter der Gesetzesordnung lustig gemacht, mehr nicht. Bei einem BlicK nach oben entdeckte sie eine zweite, offene Etage.

Weitere Räume- noch mehr Einzelhaft. Jetzt wurde ihr komisch.

 

Langsam kam sie zur Besinnung und beruhigte sich selber: Hey, wir sind in Europa, in der EU- es gelten schon viele gleiche Gesetze und außerdem hast Du wirklich nichts schlimmes getan. Schau Dir die Randbezirke an, da traut sich niemand aus Todesangst in der Nacht auf die Straße. Ja, Dein Verhalten ist nicht korrekt aber kein Grund auch nur eine Nacht in dieser Zelle zu verbringen!

 

"Dobrý večer“, wurde sie unterbrochen. Endlich, die Dolmetscherin! Marie richtete sich auf und lächelte.

 

"Was ist passiert?“, fragte diese. Marie erzählte ihr die ganze Geschichte. „ ...und deswegen sitzen Sie schon seit Stunden hier?“ „Ja,“ antwortete Marie.

 

Beide mussten lachen!

 

 

 

 

Leipzig, 2010